Denn die Sicherheit in diesem allgemein überflüssigen Unterrichtsfach ist bekanntlich nicht immer gewährleistet. Die Wartezimmer der Sportärzte sind geradezu überfüllt von leidenden SchülerInnen mir gebrochenen Nasen, Beinen, Händen, gerissenen Kreuzbändern und Sehnen und eingequetschten Augäpfeln - nicht zu reden von den Krankenhäusern. Schon oft gelesen: "Junge (16) knallt gegen Barren - blutüberströmt!" Die Gefahr ist jedoch erst die Spitze des Eisbergs! Wie sehr der Sportunterricht sowohl Steuerzahler als auch Sozialstaat auf der Tasche liegt, lässt sich gar nicht in Zahlen ausdrücken. Man bedenke nur, wie viele Krankenhausbetten eingespart oder Dringenderem zugewendet werden könnten!
Fassen wir also zusammen: Sportunterricht ist zu zeitaufwendig und gemeingefährlich. Ist einem seine Gesundheit und sein Sozialleben neben der Schule lieb, kann man also gar nicht anders, als Keuchhusten oder Pilzinfektionen vorzutäuschen. Bei Mädchen sehr beliebt sind auch die berüchtigten "Unterleibsschmerzen" - no questions asked. Sport stiftet die Jugend also auch noch zum kollektiven Lügen, Betrügen und Urkunden-Fälschen an.
Aber das ist ja leider längst nicht alles. Von der Unsäglichkeit, die sich SportlehrerInnen gezwungenermaßen herausnehmen, SchülerInnen - Menschen! - nach ihrer physischen Verfassung zu benoten, wollen wir gnädigerweise nicht einmal sprechen.
Viel schlimmer ist stattdessen die wöchentlich, Jahr für Jahr erlittene psychische Tortur durch sogenannte Klassenkameraden. Mit dem Turnbeutel fing alles an: Wie sehr muss man sich schon in der ersten Klasse schämen, wenn man dieses Necessaire zu Hause gelassen hat! Als "Turnbeutelvergesser" beschimpft, hat man "Bäumchen, wechsle dich" in Unterhose und Pullover mitzumachen. Mit zunehmendem Alter wird es noch schrecklicher: Ein unrasiertes Bein, eine hässliche Feinrippunterhose, eine Speckrolle zu viel - in der Umkleidekabine für alle sichtbar -, macht aus cool sehr schnell uncool. Ohne die richtigen Turnschuhe läuft - im wahrsten Sinne des Wortes - nichts. Hänselei muss natürlich auch erfahren, wer keine Klimmzüge oder Korbleger hinbekommt. Wie schnell grausame, durch Gruppendynamik geleitete MitschülerInnen von sportlichen Leistungen auf den Charakter schließen, zeigt jede einzige Session in der miefigen Turnhalle. Unfair, dass die Sportskanone nicht als unfähig auf akademischem Gebiete angesehen wird, der/die Klassenbeste dagegen schon aus Prinzip nie einen Ball zugeworfen bekommt.
Womit wir beim Teamsport wären, dem größten Übel überhaupt. Die Wenigsten sind sich darüber im klaren, was Teamsport in einer Gemeinschaft auslösen kann. Team Susi gegen Team Katrin; Mädchen gegen Jungs; 9a gegen 9b. Das Team wird innerhalb der ersten Runde zur eigenen, in der Pubertät schmerzlich vermissten Identität, einem Zu Hause, das mit Leib und Seele nach außen hin verteidigt werden muss. Wer also diesem perfekten Bild Schaden durch zu langsames Laufen, Nicht-Fangen oder Daneben-Schießen zufügt, wird zum verhassten Outsider - ebenso wie das gegnerische Team, das nach Freud das antagonistische Alter Ego, die Symbiose des Schlechten darstellt. So entstehen lebenslange Feindschaften.
Durch nach dem Unterricht noch durchgeschwitze SchülerInnen wird das Klassenklima nicht besser. Es bleibt also nur eine Lösung: Völlige Freistellung der Teilnahme am Sportunterricht! Wen die beschriebene Tortur nicht abschreckt, der/die ist wahrscheinlich eh immer Teamkapitän und WortführerIn und soll ruhig hingehen. Die anderen, die sich meiner Meinung mit Tränen der Rührung und der Erleuchtung in den Augen anschließen, sollen aber das Recht haben, sich einem für ihr berufliches Weiterkommen völlig unerhebliches Fach legal entziehen zu dürfen.
Katharina Rosenbohm | 12.02.2002