Wie die Definitionen von Status und Werten einen Idealdeutschen vorgaukelt
Wir befinden uns zurzeit in einer Grundsatzdiskussion, die nicht gänzlich grundsätzlich ist.
Deutschlands Problem ist weder wirtschaftlich noch politisch verankert. Es liegt tief in der Gesellschaft verwurzelt. Eine Gesellschaft bildet Geflechte, agiert und kreiert ein Land, eine Nation. In Deutschland sind diese Verflechtungen zerrissen.
Doch das Problem ist nicht die Ist-Situation. Und auch der oft gehörte Vorwurf der bewussten Manipulation bzw. des Ausnutzens unseres Systems, ist nur zum geringen Teil gerechtfertigt. Unser eigentliches Problem ist das der Unwissenheit über den tiefen Riss, der Schaffung von Subsystemen, die jeweils tief und fest glauben, das richtige zu denken und das System richtig zu verstehen und nicht bewusst wahrnehmen, dass sie mit ihrer Position anders liegen als andere.
Unsere Gesellschaft fördert bewusst diesen unbewussten Separatismus. Du bist, was deine Umgebung aus dir macht. Unsere Schulformen beginnen mit einer frühen Trennung in Leistungsklassen, unsere Universitäten, die eine Gruppe der Gesellschaft hervorbringen sollen, die ihr insgesamt dienen und ihr eine Identität verpassen, bilden Spezialisten aus -denn das wird allgemein gefordert- verwerfen aber ihr Ziel einen gebildeten Menschen zu "erziehen", der nicht nur durch Reichtum und Erfolg glücklich wird.
Doch diese Vorstellung, man muss sich spezialisieren, um einen Job zu bekommen und wird mit Studiengängen wie Germanistik Taxifahrer, führt zu einer Entwicklung, die wir alle nicht wirklich wollen. Leider ist uns der Weg, den wir einschlagen, nicht bewusst. Wäre Deutschland wirklich ein lebenswertes Land, wenn alle Menschen gutbezahlte Topmanager wären? - Unsere Gesellschaft müsste wieder einen neuen Maßstab erstellen, der neue alte Werte hervorhebt und den Menschen in den Mittelpunkt rücken.
Um dieses auf unser universitäres System zu übertragen: Kaderschmieden mögen gut für die Wirtschaft sein und wirtschaftlich gut für das Land und sicher brauchen wir sie. Nur wie wir jemanden schätzen, der ein perfekter Manager ist und wie wir jemanden schätzen, der Philosoph ist, wie wir also ihre gesellschaftlichen Positionen sehen, bedarf einer Reflektion. Universitäten sollten vermehrt auch allgemeinbildende Kurse anbieten. Ein Blick nach England könnte Anreize geben. So ist in Oxford der beliebteste Studiengang Philosophy, Politics and Economics so breit gefächert, dass die Absolventen eine große Allgemeinbildung haben. Es ist eben nicht das auf die Wirtschaft ausgerichtete Fach Betriebswirtschaftslehre (BWL), das in Deutschland in Massen besucht wird. Volkswirtschaftslehre (VWL) führt in Deutschland ein Schattendasein hinter seiner großen Schwester, der BWL. Ein Grund dafür ist eben, weil allgemein gilt, dass man bessere Jobchancen, vor allem ein höheres Gehalt mit BWL bekommt. Das mag richtig sein. Wir sollten jedoch unsere Werte überdenken. Wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ist sicherlich eine Kernaufgabe unserer Gesellschaft, an der Universitäten mitwirken müssen, aber sie müssen auch Menschen humanistisch bilden. Dann verstehen sich auch wieder die Akademiker untereinander wie auch unterschiedliche Bildungsschichten, dann verschiebt sich das, was man möchte, was einen Menschen glücklich macht zu weniger materiellen Werten und dann entsteht eine Gesellschaft, die bewusst sich über Ideale definiert, für die man nicht reich sein muss, die jeder erreichen sollte und die alle integriert. Das ist der Weg des gegenseitigen Verstehens und des Austausches, um bewusst zu sein.
Ali Aslan Gümüsay | 17.07.2005