Es ist doch erstaunlich, wie schnell sich die ganze Nation verändern kann. Vor einer Woche war die Welt noch in Ordnung, man machte sich Gedanken über die Echtheit der Haare vom Kanzler, freute sich auf zwei Rededuelle der Spitzenkandidaten für die Wahl im September und war rundum zufrieden. Doch dann, innerhalb von nur 15 Minuten schafft es ein einzelner Schüler, die Aufmerksamkeit der ganzen Welt und ihrer Medien auf das kleine Erfurt, Germany zu lenken.
Der Täter, ein 19jähriger ehemaliger Schüler der Schule, der des Unterrichts verwiesen und somit vom Abi ferngehalten wurde, zeigt allen, was er als Sportschütze so drauf hat. Etwas mehr als zehn Minuten läuft er durch das alte Gymnasium, erschießt gezielt diejenigen, die er noch nie leiden konnte und anschliessend sich selbst.
Das also zum Tathergang, den inzwischen jeder kennen dürfte. Nur allzu oft wurde in den Medien davon berichtet.
Selbst Amerika, Frankreich, England und Australien konnten den "Mord in der Schule" (RTL-Überschrift), oder auch das "Blutbad in Erfurt" mit all seinen Auswirkungen verfolgen. Schnell waren sogenannte Experten geladen, die Einwohner Erfurts pauschal als Opfer abgestempelt und dementsprechend ausgefragt und jede Träne sofort über den Globus geschickt. Nach all dem Medienspektakel stellte man sich dann im MDR-Talk die Frage, ob solch ein Medienrummel nicht genau das ist, was viele in der Situation wollen: bekannt werden und einmal aus dem eigenen Schatten heraus treten. Wie oft wurde gesagt, es wäre ein "Einzelgänger", ein "zurückhaltender und ruhiger" Junge gewesen? Und wie leicht lässt sich da nachvollziehen, dass die richtige Mischung aus Frust, Hass, Zurückgezogenheit, Zugang zu Gewaltmedien und vor allem Zugang zu Waffen schnell dazu führt, dass ein Jugendlicher nicht nur sich, sondern auch 16 weiteren Menschen das Leben nimmt?!
Mit Reaktionen war die Politik ebenfalls sehr schnell zur Stelle. Die beiden "Anführer" von CDU und CSU (Merkel und Stoiber) waren genauso flott zur Stelle mit Beleidsbekundungen "live aus Erfurt", wie auch Schröder und sein Innenminister Schily. Während die einen von der Oppositionsbank aus schnell in Wahlkampf verfallen und der Regierung Versäumnisse attestieren, frei nach dem Motto: "wir wollten es ja verhindern, durften aber nicht", geht die Regierung auf Schadensbegrenzungskurs. Da wird Rainer Heise, "der Lehrer, der den Amokläufer stoppte", für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen und der Bundestag sofort dazu gebracht, eine Aktuelle Stunde zum Thema Erfurt einzulegen. Da soll also die grosse weise Lösung gefunden werden. Wie diese aussieht, erkennen wir schon in den Ansätzen, wenn verkündet wird, dass das CDU/CSU-Wahlprogramm nun seine ehemals drei Seiten "Sicherheit für alle" ergänzen möchte, um auch halbautomatische und automatische Waffen aus Schützenvereinen zu streichen. Natürlich noch mit einer Menge anderen prima Ideen, die alle in die Richtung gehen, wie man Jugendliche vor Gewalt des Alltags beschützen und ihnen den Zugang zu Waffen erschweren kann. "Messer, Feuer, Pistole, Licht, sind für Unter-21 nicht!"..
Die Überlegungen, wie man Jugendliche allerdings dazu bringen kann, ihre Konflikte, Probleme und Ängste zur Sprache zu bringen und damit manch eine Eskalation zu verhindern, lesen sich meistens mit "Wir wollen die Rahmenbedingungen so verändern, dass Jugendliche nicht mehr zu solchen Taten getrieben werde".
Dass dies unter anderem einen stärkeren Einsatz für die stetig schwindende Zunft der Schulsozialpädagogen und Schulpsychologen bedeutet, nahm niemand in die Problemlösungsvorschläge auf.
Da nun aber der Kanzler noch mit den Intendanten der grossen Medienanstalten sprechen wird und darum bittet, Filme mit zuviel Blut aus dem Programm zu verbannen, können wir alle beruhigt uns zurücklehnen und sagen, dass Deutschlands Schulen wieder sicher sein werden!
Peter Laffin | 30.04.2002